Mittwoch, 24. Juni 2009
Ich sehe, dass unsere Gesellschaft zerfällt, da es kaum noch Generationen, geschweige soziale Schichten oder die Klassen übergreifende Diskurse gibt. Man unterhält sich zwar, schreit sich an, argumentiert – aber man versteht sich immer weniger. (s. a. dieses Phoenix-Interview) Die alten Leitmedien mit verbindender Funktion: Fernsehen, Zeitungen haben ausgedient, werden nicht mehr von allen akzeptiert, selbst verschuldet. Bessere Teile versuchen sich anzupassen, zu wandeln. Das Meiste verflacht und wird aber als wesentlicher Rest immer bleiben. Für die, die ruhig zu stellen sind, für die, die eh nur konsumieren wollen – und für die meisten aus der Gruppe, die ohne diese Medien Probleme mit dem Erhalten ihrer Macht bekommen würden: Politiker, Verleger und Verwerter, Bedeutungs-, Würden- und Amtsträger usw..
Das sind zumeist die, die mit dem Internet, dem Netz als Medium nichts anfangen können, es komplett falsch verstehen. Und deshalb Probleme haben, ihre Art zu Denken dorthin zu transponieren.
Die anderen sind die, die es so gut verstehen, die Chancen erkannt und es sich so zu eigen gemacht haben, dass sie überwiegend dort, im Netz, zu Hause sind, dort arbeiten, soziale Kontakte pflegen – jedenfalls ohne freies Internet nicht als freies Individuum existieren können. Und auch weil die freie Entfaltung eines jeden die Bedingung für die freie Entfaltung aller ist, wehren sie sich gegen die Übergriffe der Anderen. (Meist bekommen sie im Nachhinein auch vom Bundesverfassungsgericht Recht.) Ich verstehe das, ich unterstütze das, ich freue mich, dass mit der Piratenpartei da eine neue organisierte Bewegung am Wachsen ist, und zumindest mit diesen Themen den Etablierten Feuer unterm Hintern macht.
Aber ich glaube nicht wie Manche, dass sich das Problem der Zurückgebliebenen, das Problem der alten Männer mit Kugelschreibern, die das Internet ignorieren aber von Wissensgesellschaft schwadronieren, biologisch lösen wird! Da wird eine Kluft bleiben, denn meine Beobachtung ist: “das” wächst nach. Nicht nur dass fast alle Kollegen zwar selbstverständlich das Netz nutzen, aber kaum einer Interesse an Themen wie informationelle Selbstbestimmung, Privacy, Zensur, Netzsperren und Überwachung hat. Bei den Studenten scheint es leider auch nicht anders zu sein, zugespitzt: außer StudiVZ und Saugen was das Netz hergibt, ist da nicht viel. Ich mag befangen sein, bin aber überzeugt, dass da auf das Internet bezogen überwiegend nur wieder Konsumenten und brave Untertanen Bürger heran wachsen! Die glauben, nichts zu verbergen zu haben, die das alles deshalb nicht tangiert.
Ergo bleibt statt Warten auf die biologische Lösung nur die Alternative der mühsamen Aufklärung und Lobbyarbeit. Wobei letztere an den Netzpolitik-Aktivisten aller Parteien hängen und schwierig bleibt, braucht doch die Fraktion der Netz-Ökonomen für ihre Distributions-Interessen nicht unbedingt ein freies Netz. Und trotzdem wird unsere Position wohl immer (?) eine Minderheitenposition bleiben.
(zum Thema s.a. bei Jörg, Kris und Markus)
Samstag, 25. April 2009
Pünktlich zum Welttag des Buches und des Urheberrechts hat Jürgen Neffe (“Einstein”, “Darwin”) in der Zeit einen langen Beitrag zum Kulturwandel in Sachen Buch geschrieben: “Es war einmal”. Die Ära des gedruckten Buches geht zu Ende, wenngleich es diese weiter geben wird. Die bestimmende Form aber ist die digitale, und Neffe findet das ganz und gar nicht traurig. Er macht auch gleich einige Vorschläge für die Vermarktung digitaler Texte. Insgesamt sieht er im digitalen Zeitalter sogar mehr Chancen für eine autorengerechtere Entlohnung. Neffe schließt mit Womöglich werden wir oder unsere Nachfahren eines Tages, um das Lesen und Schreiben zu retten, noch einen Schritt weiter gehen und allen alle Texte und Inhalte grundsätzlich kostenlos zur Verfügung stellen. Freie Lektüre als Teil des Grundrechts auf Bildung – und als Erfolgsmodell moderner Wissensgesellschaften. Open Access wäre nicht der Untergang des Abendlandes. Im Gegenteil. (In der heutigen FAZ ist übrigens ein Foto von Enzensberger vor seinem Bücherregal; darinnen präsentiert er stolz ein eBook-Reader.)
Herr Reuß (siehe hier) hingegen kann es nicht lassen: wiederholt und mit Methode vermengt er seine nicht unberechtigte Kritik an Googles Digitalisierungsaktivitäten auf der einen Seite und Open Access als Publikationsform vor allem von Naturwissenschaftlern auf der anderen Seite. Deshalb, wegen dieser Vermengung, kann man als vernünftig denkender Mensch seinen Appell nicht unterstützen! Mit viel Schaum vor dem Mund hetzt er in “Unsere Kultur ist in Gefahr” gegen die “Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen” 1) (die Anführungszeichen sind von ihm) und gegen Open Access – ohne dieses Wort in den Mund zu nehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Herr Reuß so dumm ist, nicht den Unterschied zwischen dem ungefragten Einscannen von Büchern und Open Access zu erkennen. Vielleicht nutzt er gar wissentlich seine Anti-Google-Kampagne in Sachen Urheberrecht zur Verleumdung von Open Access, dass in den Geisteswissenschaften mit seiner langsamen Buchkultur noch nicht Fuß gefasst hat? Vielleicht ist es Ausdruck eines Unbehagens vor Zeiten, wie sie Jürgen Neffe skizziert hat?!?
Können 1500 Unterzeichner 2) irren? Vermutlich haben die weitaus Meisten gegen die als Enteignung 3) empfundene Einscan-Aktion durch Google gestimmt, nicht gegen Open Access in der Wissenschaft, wie Reuss es darstellt und gerne hätte. Die Zahl ist das Maß der Dinge? Wenn ja, dann sieht’s vergleichsweise schlecht für den “Heidelberger Appell” aus, denn die “Petition for guaranteed public access for public-founded research results” hat bisher 27652 Unterzeichner (Stand 25.04.2009)
Die aktuelle Diskussion wird u.a. dort zusammengefasst:
• Informationsplattform Open Access: Aktuelle Diskussion um Open Access und Urheberrechte
• Infobib: Beiträge mit Tag heidelberger_appell sowie Materialsammlung zum Heidelberger Appell
• Archivalia: Open Excess: Der Heidelberger Appell
• delicious: CHs Bookmarks, alle Bookmarks
1) Alle deutschen Wissenschaftsorganisationen hatten sich gegen seinen “Heidelberger Appell” gewandt und zu Open Access bekannt, haben den Vorwurf der Einschränkung der Publikationsfreiheit zurückgewiesen. ( Gemeinsame Erklärung).
2) Politiker: Dass Frau Zypries den Heidelberger Appell unterstützt, wundert mich eigentlich gar nicht mehr. Frau Leutheusser-Schnarrenbergers Unterschrift hätte ich nicht erwartet.
3) Die Enteignung der Autoren durch die Verlage wird im Appell bezeichnenderweise nicht thematisiert.
Sonntag, 19. April 2009
Kulturtipps hatten wir hier lange nicht.
Am kommenden Wochenende ist so viel los im Hessischen, man muss aufpassen, dass man nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzt – und gar nirgends hingeht.
In Darmstadt gibt es die Tage der Fotografie. In Frankfurt ist am Samstag Nacht der Museen.
Und in Wiesbaden heißt das Motto goEAST – dahinter verbirgt sich das 9. Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. Den Eröffnungsfilm, “Winter adé”, kann ich wirklich empfehlen. Es ist definitiv kein “Frauenfilm”, eher eine genaue Zustandsbeschreibung des Alltags in der siechenden DDR! Wenn man denn also wissen will, wie es damals “wirklich” war...
Dienstag, 24. März 2009
Man ist ja fast versucht, Herrn Reuß auf erprobte Art als “Professor aus Heidelberg” zu denunzieren...
Der Herr Reuß wurde zornig, weil er von ihm mit herausgegebene Kleist- und Kafka-Briefe (deren Urheberrecht abgelaufen ist) bei Google-Books entdeckte. Dieser Zorn und einiges Open-Access-Ressentiment entlud sich in einer Polemik in der FR, wilden Repliken (z.B. hier wieder in der FR oder dort als Machtergreifungs-Phobie in der FAZ) auf Gegenargumenten und kulminiert gegenwärtig wohl im Heidelberger Appell. Er und seine Unterstützer werfen Open Access und Google in einen Topf, schreien: “Enteignung”! Ein Kulturkampf tobt.
Zur Genese: Gudrun Gersmann’ Antwort in der FAZ ( dort zitiert und kommentiert) hatte ich im Flieger ans andere Ende der Welt gelesen. (Und dann die Sache vergessen.) Matthias Spielkamp hat heute im Perlentaucher ( Open Excess: Der Heidelberger Appell) eine umfassende und überzeugende Kritik an den Umtrieben von Reuß & Co. geliefert. Klaus Graf sammelt und kommentiert auf Archivalia das Medienecho und die Standpunkte. (Derzeit und in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10). Selbst bei golem.de gibt es einen informativen und kritischen Überblick: Ein Kulturkampf um das Wissen.
Es sieht so aus, als verdeutliche die Kampagne – und welche Unterstützer diese findet – wieder einmal den tiefen Graben zwischen Geistes- und Natur- bzw. Technikwissenschaftlern. Schade, dass von mir geschätzte Literaten und Wissenschaftler (Theweleit, Kehlmann, Braun) zu den Appellunterzeichnern gehören.
[UPDATE:] s.a. KULTURTECHNO, Materialsammlung bei Infobib
Montag, 19. Januar 2009
 Das feine Poster gibt’s beim Haken.
Starke, auch polemische Worte von kamenin in einem langen Beitrag zu Evolution und den Windungen der Theologie finden meinen ungeteilten Beifall: Als Wissenschaftler sollte man sich nicht von Theologen den Mund verbieten lassen. Es ist wesentlich, dass man in der Darstellung darauf Rücksicht nimmt, was wissenschaftliche Messung und was philosophische Ableitung ist [...] Im Gegenteil: die Philosophie und all ihre noch weniger wissenschaftlichen Unterdisziplinen haben lange genug Aussagen über das Weltbild gemacht. Es wird Zeit, dass diejenigen die Philosophie an sich nehmen, die eh mit der einzig brauchbaren Motivation an die Sache herangehen: etwas über die Welt herauszufinden.
Dass das Theologen nicht gefällt, sollte niemanden überraschen. Dass Naturwissenschaftler Latten zu überspringen hätten, die ihnen Theologen aufgelegt hätten, die jetzt mit Punktkärtchen am Rand stehen und das alles beurteilen wollen: das ist Gott sei dank vorbei. Und irgendwann wird vielleicht sogar in der Politik ankommen, dass Theologen die letzten sind, über deren Stöckchen man springen muss. Die Malaise um Fototermine mit Bischöfen nie verlegener Politiker und Medien ist mit schuld daran, dass auch ehrenwerte Theologen heute noch ein so verzerrtes Selbstbild von sich selbst haben können, qua dessen sie Begutachter sein wollen, was statthafte Metaphysik sei.
Donnerstag, 8. Januar 2009
Kann, muss man ein “System der Korrumpierung”, “ein System der vollendeten moralischen Korruption”, ein System, das fetter Mainstream ist, kritisieren? Kann man dieses System so radikal kritisieren, dass die Kritik nicht wirkungslos bleibt?
Oder kann man sich nur ekeln?
Georg Seeßlen / Markus Metz meinen: Ja, wir können das tun – Warum es so schwer ist, die “Bild”-Zeitung zu kritisieren. Und warum man es dennoch machen sollte.
(s.a. Henschel: Bild als Kulturproblem [Nachdruck der taz vom 10.12.05, Original-Artikel im Merkur, hier im Bunker.])
Samstag, 3. Januar 2009
So auch beim TIME Magazine: The Best Inventions of the Year 2008. Einige davon haben wirklich das Zeug dazu, unser Leben, unser Wissen darüber umzukrempeln.
23andMe’s Retail DNA-Test auf Platz 1 (der Liste). Der Large Hadron Collider, obwohl er Startschwierigkeiten hatte. Jede Menge intelligente Prothesen und “soziale” Roboter sowie Innovationen mit energiewirtschaftlichem Hintergrund. (Da fällt mir Updating Germany – 100 Projekte für eine bessere Zukunft –, die noch bis Februar laufende, sehr sehenswerte Ausstellung im DAM Frankfurt ein.)
Dagegen wirkt die Entdeckung von so etwas “altem” wie einer Primzahl zunächst etwas merkwürdig, ist aber gut begründet, und hat für Platz 29 auf der Liste gereicht. Konkret: der neue Primzahl-Rekord ist 2 43112609-1. Diese Zahl hat 12,9 Millionen Stellen und ist damit die erste Primzahl mit mehr als 10 Millionen Stellen. (Mehr dazu dort und dort im Mathlog.)
(Die komplette Liste umfasst 50 Positionen.)
Sonntag, 28. Dezember 2008
Sicherlich muss man keinen Jahresrückblick verfassen. Es gibt genug davon, wen interessiert’s!
Dieses Jahr gestehe ich mir aber eine Ausnahme zu, weil es doch einige Besonderheiten, Merkwürdigkeiten und Überraschungen gab. Eine Auswahl:
"Finis, Zweitausendundacht" vollständig lesen
Sonntag, 28. Dezember 2008
Ich vermute ‘mal, wir werden Samuel Phillips Huntington (†2008) bzw. seine Ideen und Prophezeiungen nicht so schnell vergessen, jedenfalls nicht so schnell wie die meisten anderen Politologen oder Politiker.
Dass die Geschichte nicht zu Ende ist, dass das eine Illusion ist, sollte inzwischen jeder gemerkt haben.
Huntingtons These vom Clash of Civilizations tat Ende der Neunziger nicht nur dem rot-grünen, multikulti-freundlichen Milieu weh; irgendwie waren alle vertrauensseelig und harmoniesüchtig. Also gab es agitatorisches Sperrfeuer. Vielleicht sorgte auch der deutsche Titel: aus “Clash” wurde fahrlässig der martialische “Kampf”, für Rezeptionsblockaden.
Mir fiel damals, im Herbst 2001, beim Lesen seine Warnung davor auf, (berechtigte) Interessen in anderen Kulturkreisen militärisch durchsetzen zu wollen. Das sei letztlich aussichtslos, kontraproduktiv für die Interessen der amerikanischen Supermacht. Wer denkt da nicht an Afghanistan, Irak? – Aber von jemandem, dem amerikanische Supermachtinteressen wahrscheinlich eine Herzenssache sind, von dem kann ja kein vernünftiger Gedanke kommen.
Mal sehen, wie lange die Obama-Illusion hält.
(s.a. Der Ohrwurm)
Freitag, 19. Dezember 2008
Viel versprechende Lektüre wartet, ich freue mich auf die freien Tage.
“Generalist” ist ein nagelneues Architektur-Magazin und kommt vom FB Architektur der TU Darmstadt. Es scheint wirklich anders zu sein, als die zig anderen auf dem Markt. Über “Lettre International” zu reden, hieße, Eulen nach Athen zu tragen. Im aktuellen Heft schreibt Peter Krieg (Seine Paranoide Maschine hatte ich einst gern gelesen und hier seziert.) über “Krankes Geld”. Und dann noch das einhundertste Heft von “brandeins” (Das sind die, die ganz vorne, an der bleeding edge der gesellschaftlichen Entwicklung schreiben.), Gratulation!
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