Montag, 22. Juni 2009
-
Wilhelm von Humboldt gilt als Erfinder der Universität - zu Unrecht. Aber in Krisen- und Protestzeiten muss er wieder mal als Popstar der Bildung herhalten (Wissen | ZEIT ONLINE)
-
Eine gute Beschreibung der Diskussion im Bloggewitter: Bologna auf den SciLogs von Thomas Grüter (Gedankenwerkstatt bei den SciLogs); mit Vorschlägen an die Kritiker und einigen unbequemen Wahrheiten. Z.B.: Ganz gleich, wer an die Regierung kommt: Die Massenuniversität bleibt. Die Leistungsanforderungen bleiben. Die Verschulung bleibt. Bei fast 2 Millionen Studenten und der schlechten Finanzlage der Länder ist eine durchgreifende Verbesserung schlicht undurchführbar. Protest dagegen ist legitim, aber eine Verweigerungshaltung ist realitätsfern.
Samstag, 20. Juni 2009
Zwei kurze Anmerkungen aus Anlass des Todes von Ralf Dahrendorf in der zu Ende gehenden Woche, mit Bezug zur Diskrepanz zwischen der medialen Huldigung einerseits sowie der Ignoranz gegenüber den von ihm vertretenen Ideen andererseits.
1. Auch mit sprachlicher Verwirrung hat es zu tun, dass man in Dahrendorf einen großen Liberalen ehrt, die Denkrichtung Liberalismus aber alltäglich und fast überall denunziert. Während das Sozialdemokratische und das Konservative in beiden größeren Parteien sich munter durchmischt und kaum noch auseinanderzuhalten ist, leugnen das die Protagonisten mit einer kaum unterdrückten Tendenz zum Lagerwahlkampf. Einig ist man sich aber im verbalen Einschlagen auf den Liberalismus, wobei man den 1938 unglücklich gewählten Namen einer der Strömungen zum politischen Schlagwort umfunktioniert hat, alles in einen Topf wirft, ohne eine Ahnung zu haben, was es eigentlich bedeutet. (Und damit nebenbei die eigene Geschichte nach ‘45 herabwürdigt.) “Neo” ist einfach schlecht, wir wissen das von anderen Ismen mit dieser Vorsilbe. – Ach, wenn diese Dummschwätzer doch wenigstens Wikipedia-Bildung hätten!
2. Dahrendorf ist während seiner Konstanzer Zeit auch einer der Architekten des “Hochschulgesamtplanes” gewesen. Er plädierte schon damals dafür, ein “Bakkalaureus” genanntes 6-semestriges Kurzstudium einzuführen. – 40 Wochenstunden Workload, Übergang zum “Langstudium” nur bei guten Prädikaten, Doktor-Studium, frühere Einschulung, kürzere Schulzeit, früherer Übergang ins Berufsleben usw., alles begründet mit den gleichen oder ähnlichen, durchaus plausiblen Argumenten, die man heute noch für den Reformprozess hört. – “Verblüffende Visionen vor 40 Jahren” titelt der SpOn seine spannende Zeitreise. Das was man dort Kluges lesen kann, dürfte Wasser auf die Mühlen mancher Bildungsstreiker und naiver Humboldt-Anbeter sein: wussten sie’s doch schon immer , dass die Neoliberalen Schuld an ihrem Dilemma sind.
Freitag, 19. Juni 2009
-
Warum erscheint der Mond so groß, wenn er sich in der Nähe des Horizonts befindet? | Astrodicticum Simplex | ScienceBlogs.de - Wissenschaft, Kultur, Politik
-
Martin Grötschel und Jochim Martin, ZIB-Report 09-10, Die Autoren beschäftigen sich seit fünfzehn Jahren intensiv mit elektronischem Publizieren, Open Access, etc..Trotzdem zeigen sie sich von vielen der Entwicklungen in dieser Zeit überrascht. Sie sind überzeugt, dass diejenigen, die in ihrer wissenschaftlichen Arbeit nicht
so eng mit Informationstechnik verbunden sind wie sie, den im Report skizzierten raschen Wandel kaum oder nur mit großer Verspätung bemerken und deshalb auf viele Möglichkeiten zur Anreicherung ihrer wissenschaftlichen Methodik verzichten. In diesem Sinne soll der Report Anregungen geben...
-
Primaklima | ScienceBlogs.de - Wissenschaft, Kultur, Politik: das Benfordsche Gesetz, auch Newcomb-Benford’s Law (NBL), geistert durch das Web ... wird als Beleg für die Wahlfälschung im Iran gesehen. Faszinierend ist das Gesetz schon, als Beleg taugt es aber wohl nichts...
-
Telepolis: Herrn Barths Teil 2 von Humboldt in Bologna? ist eine erneute Würdigung des 2008 erschienen Buches von und über 68er Professoren, meist aus Anlass ihrer Emeritierung: “Das Elend der Universitäten. Neoliberalisierung deutscher Hochschulpolitik”. Barth würdigt vor allem, dass in den meisten der dort versammelten Beiträge die politischen Hintermänner der Bologna-Reformen benannt werden: Bertelsmann-Stiftung, CHE, INSM, Bucerius, DIE ZEIT,...
Dienstag, 16. Juni 2009
Beispiel 1: das gerade erschienene Bologna-Schwarzbuch des Hochschulverbandes, der Standesorganisation der Uni-Profs.
Beispiel 2: das sogenannte Blog-Gewitter zu Bologna in den SciLogs.
Auf Telepolis bespricht ein Herr Barth unter der Überschrift “Humboldt in Bologna? Teil 1 - Das Bologna-Schwarzbuch” die Aufsatzsammlung der Bologna-Kritiker. Dort beklagen Wirtschaftswissenschaftler, dass die Reformen nicht weit genug gehen, nicht konsequent umgesetzt werden würden. Und, konträr dazu, jammern die Geisteswissenschaftler, dass früher, also vor ‘68 – denn die 68er haben Schuld am jetzigen Dilemma – eh alles viel besser war. Der Muff unter den Talaren will wieder hervor, der Herr Barth hat dafür große Sympathien.
Das Gejammere der Uni-Professorenschaft kotzt mich an; es geht nur um sie, niemals um die Studenten: ob die nach dem Studium einen Job bekommen, interessiert sie ein Schei*dreck. Wahrscheinlich finden sie sich bestätigt, wenn dies nicht der Fall wäre. Dann wäre man unabhängig von der schrecklichen Wirtschaft. Das erinnert mich an die Zeit, zu der man sich als Prof entschuldigte, wenn man Kontakte zur, Bekannte in der realen Wirtschaft da draußen hatte.
Offensichtlich hat man keine Meckerer aus den Reihen der Naturwissenschaftler, Techniker, Informatiker, ... gefunden... Oder? (Von dort kommt in den Diskussionen eher Widerrede gegen die Meckerer, hier ein Beispiel in den SciLogs, aus Heidelberg.)
Ja, auch an den Fachhochschulen wird gemeckert. Aber hier war man schon immer irgendwie stolz darauf, für den Arbeitsmarkt auszubilden, hohe Vermittlungsquoten vorweisen zu können.
(s.a. Die Module spielen verrückt: Der Kernphysiker Joachim Enders von der TU Darmstadt hat das Anti-Bologna-Genörgel der Kollegen satt und kontert mit einer Widerrede.)
Freitag, 12. Juni 2009
 Kommende Woche ist bundesweit Bildungsstreik 2009. In verschiedenen Städten werden Studierende gemeinsam mit Schülern, Auszubildenden und Lehrkräften gegen die Missstände im Bildungswesen streiken oder mit anderen Mitteln protestieren. Auch der AStA der Hochschule Darmstadt macht mit, ‘mal sehen, wie viele Studenten nicht nur frei haben wollen. Gelbe Woche ist angesagt, die Flyer, Post-Its, Poster, Losungen usw. – alles Gelb.
Eben habe ich “Blutige Erdbeeren” (“The Strawberry Statement”) gesehen. Der Film ist fast 40 Jahre alt, spielt in San Francisco, zeichnet aber die 1968er Studentenrevolte an der Columbia University von New York nach. Akteure, Parolen, Muster – hat sich grundlegend etwas geändert? An der Oberfläche war’s damals scheinbar viel politischer. Vietnam und so. Vergleichbares interessiert unsere Studenten heute nicht, jedenfalls kanalisiert es sich nicht so. Heutige Studierende bzw. die Aktivisten unter ihnen, so der Aufruf, streiken für freie Bildung (und meinen zumeist: frei wie Freibier), weniger Leistungsdruck, weniger Prüfungen, weniger Verschulung des Studiums, keinen direkten Bezug zur Wirtschaft zum Leben da draußen, keine Gebühren usw.. Kaum hört man den Ruf nach angemessener Finanzierung der Schulen, Hochschulen, aller Bildungseinrichtungen.
Ich hoffe nicht auf eine zum Film vergleichbare Eskalation des Bildungsstreiks, auch wenn die Bildungspolitiker etwas Dampf unter’m Hintern vertragen können.
Den Film gibt’s auf DVD. Auch er bildet.
Montag, 8. Juni 2009
-
Notizblog » Die Piraten sind jetzt in der Bringschuld: sie müssen ihre Ressourcen nutzen und zeigen, dass sie [...] politische Arbeit machen und nicht nur ein Wahlverein sind. Klarmachen zum Ändern? Sicher, aber fangt nun endlich damit an. Denn jetzt zählt es.
-
...sagt GI-Präsident Jähnichen. Und: Informatik sollte vor(!) dem 14. Lebensjahr im Rahmen eines MINT-Faches gelehrt werden. Die Umstellung brauche mindestens eine Lehrergeneration! - Computer Zeitung - Das Onlinemedium für das IT-Management
-
Computerworld - Forty years ago this summer, a programmer sat down and knocked out in one month what would become one of the most important pieces of software ever created. After four decades, the future of the operating system is clouded, but its legacy will endure.
-
Die Kreuzung von Mensch und Tier - das ist der Tabubruch, den noch niemand wagt, auch wenn Forscher schon an Chimären aus menschlichen und tierischen Zellen arbeiten. Der Biologe Richard Dawkins plädiert dafür, sich schon einmal mit dem Gedanken anzufreunden.EDGE 2009 - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft
-
Telepolis: Twister (Bettina Winsemann) nimmt die offizielle Fragen-und-Antworten-Seite (FAQ) des Bundesfamilienministeriums zum Netzsperren-Komplex unter die Lupe. Diese enthält nicht nur die bekannten Lügen, sondern lässt durch einige Widersprüche aufhorchen.
Montag, 4. Mai 2009
 Der AStA startet morgen mit einer Ringvorlesung zum Thema “Was ist Bildung?”, der Untertitel ist “Was heißt und zu welchem Ende studiert man … ??” – Der Untertitel klingt etwas sperrig, einige der Themen an den nächsten acht Dienstage sind aber sehr interessant. (Klick auf’s Bildchen vom Plakat.)
“Jeder Student und jede Studentin haben ein notwendiges Interesse daran, nicht nur zu wissen, was die Hochschule zum Zweck hat, sondern auch, auf welcher Theorie dieser Zweck steht. Schließlich stehen auch sie vor der Frage, was ist Bildung und was heißt es, zu studieren?”
Mittwoch, 29. April 2009
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer ist auch erfolgreicher Multiunternehmer: u.a. die IDS Scheer AG ( verdoppelt in der Krise mal eben den Gewinn) und der BITKOM werden von ihm geführt. In “Mit der Wirtschaftskrise aus der Ausbildungskrise” formuliert er seinen Wunschkatalog an die zeitgemäße wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung:
• mehr Schumpeter und weniger Keynes,
• mehr Wirtschaftsgeschichte und weniger Mathe,
• mehr Interdisziplinarität und weniger abstrakte Modelle,
• mehr detaillierte Branchenkenntnisse und weniger Generik,
• mehr Ethik und weniger Ego.
Donnerstag, 23. April 2009
In der Zeit sucht der Redakteur Jan-Martin Wiarda an der Uni Tübingen Zeichen bei Bachelor-Studenten, die seine Hypothese – Macht Studieren dumm? – stützen. Vergebens. Allenfalls kann ein Wertewandel konstatiert werden, siehe z.B. auch die Shell-Studie, die zuletzt 2006 den drastischen Wertewandel der Jugend hin zu beruflichem Ehrgeiz und dem Streben nach familiärem Glück dokumentiert hatte. Hat Hurrelmann recht, dann wäre die neue Leistungsbereitschaft der Studenten, ihre vermeintliche Stromlinienförmigkeit, eine gesunde Strategie angesichts von Wirtschaftskrise und Jugendarbeitslosigkeit. Mit dem Bachelor hätte all das wenig zu tun.
Dass die Vergangenheit gerne verklärt (Humboldt!) wird, bekommt man auch in diesem Interview mit dem Berliner Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth wieder bestätigt. Tenorth ist Pro-Bologna: Ich habe noch keinen Kritiker der neuen Studiengänge kennengelernt, dem es im Studium nur um seine intellektuelle Qualifikation ging. Die wollten doch auch alle eine Stelle haben, nämlich Professor werden. Die Studenten haben ein Recht auf ein marktkonformes Zertifikat!
Montag, 20. April 2009
Bologna ist der namengebende Ort für einen europäischen Prozess, der die Hochschullandschaften radikal verändert (hat): Umstellung auf Bachelor / Master, studienbegleitende Prüfungen, Credit Points, Konzeption der Studiengänge vom Workload her, Ausrichtung auf die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen, auf “employability” sowie schließlich ein etwas merkwürdiges qualitätssicherndes Akkreditierungssystem. Wilhelm von Humboldt prägte Anfang des 19. Jahrhunderts die klassische deutsche Universitätsidee, wozu auch die Rede von der “Einheit von Forschung und Lehre” gehört. Der Bologna Prozess soll dafür sorgen, dass die Hochschulen dem Umstand Rechnung tragen können, dass heute weitaus mehr Studenten einen Abschluss begehren als noch in den 60er Jahren 1), vor allem um im späteren Berufsleben eine größere Chance zu haben. Hinter Humboldt verschanzen sich die Bewahrer einer alten elitären Idee, die funktioniert hat, als man noch weitgehend “unter sich” war, als fast nur Kinder aus bildungsbürgerlichem Hause studierten, vornehmlich um im Bildungswesen Berufskarriere zu machen, als die kulturelle Hegemonie des Bildungsbürgertums noch ungebrochen war.
Der Soziologe Uwe Schimank entlarvt in einem ausführlichen, lesenswerten Diskussionsbeitrag den Streit Bologna vs. Humboldt als Interessenskonflikt zwischen gesellschaftlichen Gruppen: “Humboldt: Falscher Mann am falschen Ort”. Zusammengefasst: Humboldt lieferte die Ideologie derer, die ihren gesellschaftlichen Statuserhalt als relativ privilegierte Gruppe sichern wollten; Bologna hingegen ist die Ideologie derer, die sozialen Aufstieg durch akademische Bildung bewerkstelligen wollen. Doch dieser Konflikt ist bis heute von den ihn austragenden gesellschaftlichen Gruppen ebenso wie von den sie repräsentierenden politischen Kräften weitgehend unthematisiert geblieben. Man hat von Anfang an so getan, als gebe es ihn gar nicht. Nebenbei kennzeichnet Schimank übrigens die Rede von der “Einheit von Forschung und Lehre”, dieses oft bemühte Humboldt-Ideal, als Euphemismus: niemand war an guter Lehre interessiert, weder die Professoren noch die Studenten. Unverständlichkeit etc. galt als Zeichen von Wissenschaftlichkeit, stärkte das Zugehörigkeitsgefühl, hatte systemerhaltende Funktion.
"Humboldt in Bologna?" vollständig lesen
|
Kommentare