Dienstag, 16. Juni 2009
Beispiel 1: das gerade erschienene Bologna-Schwarzbuch des Hochschulverbandes, der Standesorganisation der Uni-Profs.
Beispiel 2: das sogenannte Blog-Gewitter zu Bologna in den SciLogs.
Auf Telepolis bespricht ein Herr Barth unter der Überschrift “Humboldt in Bologna? Teil 1 - Das Bologna-Schwarzbuch” die Aufsatzsammlung der Bologna-Kritiker. Dort beklagen Wirtschaftswissenschaftler, dass die Reformen nicht weit genug gehen, nicht konsequent umgesetzt werden würden. Und, konträr dazu, jammern die Geisteswissenschaftler, dass früher, also vor ‘68 – denn die 68er haben Schuld am jetzigen Dilemma – eh alles viel besser war. Der Muff unter den Talaren will wieder hervor, der Herr Barth hat dafür große Sympathien.
Das Gejammere der Uni-Professorenschaft kotzt mich an; es geht nur um sie, niemals um die Studenten: ob die nach dem Studium einen Job bekommen, interessiert sie ein Schei*dreck. Wahrscheinlich finden sie sich bestätigt, wenn dies nicht der Fall wäre. Dann wäre man unabhängig von der schrecklichen Wirtschaft. Das erinnert mich an die Zeit, zu der man sich als Prof entschuldigte, wenn man Kontakte zur, Bekannte in der realen Wirtschaft da draußen hatte.
Offensichtlich hat man keine Meckerer aus den Reihen der Naturwissenschaftler, Techniker, Informatiker, ... gefunden... Oder? (Von dort kommt in den Diskussionen eher Widerrede gegen die Meckerer, hier ein Beispiel in den SciLogs, aus Heidelberg.)
Ja, auch an den Fachhochschulen wird gemeckert. Aber hier war man schon immer irgendwie stolz darauf, für den Arbeitsmarkt auszubilden, hohe Vermittlungsquoten vorweisen zu können.
(s.a. Die Module spielen verrückt: Der Kernphysiker Joachim Enders von der TU Darmstadt hat das Anti-Bologna-Genörgel der Kollegen satt und kontert mit einer Widerrede.)
Freitag, 12. Juni 2009
 Kommende Woche ist bundesweit Bildungsstreik 2009. In verschiedenen Städten werden Studierende gemeinsam mit Schülern, Auszubildenden und Lehrkräften gegen die Missstände im Bildungswesen streiken oder mit anderen Mitteln protestieren. Auch der AStA der Hochschule Darmstadt macht mit, ‘mal sehen, wie viele Studenten nicht nur frei haben wollen. Gelbe Woche ist angesagt, die Flyer, Post-Its, Poster, Losungen usw. – alles Gelb.
Eben habe ich “Blutige Erdbeeren” (“The Strawberry Statement”) gesehen. Der Film ist fast 40 Jahre alt, spielt in San Francisco, zeichnet aber die 1968er Studentenrevolte an der Columbia University von New York nach. Akteure, Parolen, Muster – hat sich grundlegend etwas geändert? An der Oberfläche war’s damals scheinbar viel politischer. Vietnam und so. Vergleichbares interessiert unsere Studenten heute nicht, jedenfalls kanalisiert es sich nicht so. Heutige Studierende bzw. die Aktivisten unter ihnen, so der Aufruf, streiken für freie Bildung (und meinen zumeist: frei wie Freibier), weniger Leistungsdruck, weniger Prüfungen, weniger Verschulung des Studiums, keinen direkten Bezug zur Wirtschaft zum Leben da draußen, keine Gebühren usw.. Kaum hört man den Ruf nach angemessener Finanzierung der Schulen, Hochschulen, aller Bildungseinrichtungen.
Ich hoffe nicht auf eine zum Film vergleichbare Eskalation des Bildungsstreiks, auch wenn die Bildungspolitiker etwas Dampf unter’m Hintern vertragen können.
Den Film gibt’s auf DVD. Auch er bildet.
Mittwoch, 3. Juni 2009
Das sieht doch schon gut aus für den Umzug in den Semesterferien! – Das Hochhaus wird die nächsten Jahre saniert, das Ausweichquartier gerade um- und ausgebaut. (Klick auf’s Bildchen!)
Montag, 4. Mai 2009
 Der AStA startet morgen mit einer Ringvorlesung zum Thema “Was ist Bildung?”, der Untertitel ist “Was heißt und zu welchem Ende studiert man … ??” – Der Untertitel klingt etwas sperrig, einige der Themen an den nächsten acht Dienstage sind aber sehr interessant. (Klick auf’s Bildchen vom Plakat.)
“Jeder Student und jede Studentin haben ein notwendiges Interesse daran, nicht nur zu wissen, was die Hochschule zum Zweck hat, sondern auch, auf welcher Theorie dieser Zweck steht. Schließlich stehen auch sie vor der Frage, was ist Bildung und was heißt es, zu studieren?”
Donnerstag, 23. April 2009
In der Zeit sucht der Redakteur Jan-Martin Wiarda an der Uni Tübingen Zeichen bei Bachelor-Studenten, die seine Hypothese – Macht Studieren dumm? – stützen. Vergebens. Allenfalls kann ein Wertewandel konstatiert werden, siehe z.B. auch die Shell-Studie, die zuletzt 2006 den drastischen Wertewandel der Jugend hin zu beruflichem Ehrgeiz und dem Streben nach familiärem Glück dokumentiert hatte. Hat Hurrelmann recht, dann wäre die neue Leistungsbereitschaft der Studenten, ihre vermeintliche Stromlinienförmigkeit, eine gesunde Strategie angesichts von Wirtschaftskrise und Jugendarbeitslosigkeit. Mit dem Bachelor hätte all das wenig zu tun.
Dass die Vergangenheit gerne verklärt (Humboldt!) wird, bekommt man auch in diesem Interview mit dem Berliner Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth wieder bestätigt. Tenorth ist Pro-Bologna: Ich habe noch keinen Kritiker der neuen Studiengänge kennengelernt, dem es im Studium nur um seine intellektuelle Qualifikation ging. Die wollten doch auch alle eine Stelle haben, nämlich Professor werden. Die Studenten haben ein Recht auf ein marktkonformes Zertifikat!
Montag, 20. April 2009
Bologna ist der namengebende Ort für einen europäischen Prozess, der die Hochschullandschaften radikal verändert (hat): Umstellung auf Bachelor / Master, studienbegleitende Prüfungen, Credit Points, Konzeption der Studiengänge vom Workload her, Ausrichtung auf die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen, auf “employability” sowie schließlich ein etwas merkwürdiges qualitätssicherndes Akkreditierungssystem. Wilhelm von Humboldt prägte Anfang des 19. Jahrhunderts die klassische deutsche Universitätsidee, wozu auch die Rede von der “Einheit von Forschung und Lehre” gehört. Der Bologna Prozess soll dafür sorgen, dass die Hochschulen dem Umstand Rechnung tragen können, dass heute weitaus mehr Studenten einen Abschluss begehren als noch in den 60er Jahren 1), vor allem um im späteren Berufsleben eine größere Chance zu haben. Hinter Humboldt verschanzen sich die Bewahrer einer alten elitären Idee, die funktioniert hat, als man noch weitgehend “unter sich” war, als fast nur Kinder aus bildungsbürgerlichem Hause studierten, vornehmlich um im Bildungswesen Berufskarriere zu machen, als die kulturelle Hegemonie des Bildungsbürgertums noch ungebrochen war.
Der Soziologe Uwe Schimank entlarvt in einem ausführlichen, lesenswerten Diskussionsbeitrag den Streit Bologna vs. Humboldt als Interessenskonflikt zwischen gesellschaftlichen Gruppen: “Humboldt: Falscher Mann am falschen Ort”. Zusammengefasst: Humboldt lieferte die Ideologie derer, die ihren gesellschaftlichen Statuserhalt als relativ privilegierte Gruppe sichern wollten; Bologna hingegen ist die Ideologie derer, die sozialen Aufstieg durch akademische Bildung bewerkstelligen wollen. Doch dieser Konflikt ist bis heute von den ihn austragenden gesellschaftlichen Gruppen ebenso wie von den sie repräsentierenden politischen Kräften weitgehend unthematisiert geblieben. Man hat von Anfang an so getan, als gebe es ihn gar nicht. Nebenbei kennzeichnet Schimank übrigens die Rede von der “Einheit von Forschung und Lehre”, dieses oft bemühte Humboldt-Ideal, als Euphemismus: niemand war an guter Lehre interessiert, weder die Professoren noch die Studenten. Unverständlichkeit etc. galt als Zeichen von Wissenschaftlichkeit, stärkte das Zugehörigkeitsgefühl, hatte systemerhaltende Funktion.
"Humboldt in Bologna?" vollständig lesen
Dienstag, 20. Januar 2009
Heute sah ich im Studentischen Service Center eine Fotoausstellung von Nina Pieroth: Humboldts Erben. Die Bilder sind bzw. gehören zu ihrer Diplomarbeit hier an der Hochschule (FB Gestaltung, Lehrgebiet Fotografie).
Die Fotos finde ich nicht schlecht, die Triptychon-Idee interessant; man kann sie sich auch auf ihrer Website ansehen.
In der Ausstellung hängen neben den Fotos Statements der Porträtierten, die allesamt Studierende jenseits des 20. Fachsemesters (überwiegend Uni Frankfurt, vermutlich) sind. Alle sehen sich nicht mehr gerne als Studenten, haben innerlich damit abgeschlossen, wollen eigentlich nur noch irgendwie einen Abschluss.
Wie man auch zum Humboldtschen Ideal damals und heute stehen mag: sind das seine typische Erben?
Donnerstag, 15. Januar 2009
Ich weiß nicht, ob anderswo als in einem studentisch-selbstverwaltetem Café mehr antikapitalistische Druckerzeugnisse ausliegen; hier übrigens meist unbeachtet. Heute fiel mir ein 4seitiges Blättchen in die Hand, dass schon vom Namen her Assoziationen weckte: “Darmstädter Stadtbote”. Die Berühmtheit von Georg Büchners “Der Hessische Landbote”, auf den sich die Macher tatsächlich beziehen 1, wird das Pamphlet sicher nicht erreichen, ist doch die Klientel heute aufgeklärter als 1834 und differenzierteren Argumentationen zugänglich.
Auch wenn man manchmal daran zweifeln mag.
1 So wird “Friede den Hütten! Krieg den Palästen!” zu “Krieg den Hütten, Paläste für alle!”
Mittwoch, 14. Januar 2009
Wenn man sich den auf iTunes einlassen will, dann kann man dort komplette Vorlesungsmaterialien und -videos auch von deutschen Hochschulen kostenlos downloaden. (Die Videos im m4v-Format werden auch vom VLC-Player akzeptiert und abgespielt.)
Die Ludwig-Maximilians-Universität München ( iTunes-Link), die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg ( iTunes-Link), die RWTH Aachen University ( iTunes-Link) und das Hasso Plattner Institut für Softwaretechnik an der Universität Potsdam ( iTunes-Link) sind derzeit die Anbieter.
(s.a. die Pressemitteilung vom HPI: Aktuelles IT-Wissen mit iTunes U kostenlos aneignen und auffrischen)
Samstag, 3. Januar 2009
Eigentlich wäre es ja nicht schlecht, wäre die Bildung der Gegenwart nicht schlechter als die Bildung der Vergangenheit. Und die Bildung der Zukunft besser, als Erstere. Das sind so Allgemeinplätze, aber diese Plätze sind im Zeitalter des Lean Brain Managements (Gunter Dueck) verwaist; einzig Effizienz zählt noch: Abiquoten, Übergangsquoten hoch, Durchlaufzeiten ‘runter. Das ist Mainstream.
Am letzten Freitag, das Jahr noch jung, steht ein lesens- und empfehlenswerter Text von Jürgen Kaube in der FAZ. Kaube polemisiert zu Recht gegen die bildungspolitischen Sonntagsreden, die Bildung fast immer nur unter dem Aspekt sehen, für die Wirtschaft passgenaue Arbeitskräfte zu modellieren. Solche Allgemeinplätze reden vom “Investieren” in “unsere Köpfe” und sehen “Handlungsbedarf”, um diverse “Kompetenzen” zu fördern, die ja alle “wichtiger denn je” seien – und Schüler doch nur zur Karrierefähigkeit dressieren sollen. Wie wichtig Bildung den Politikern ist, sieht man auch daran:
"Bildung der Zukunft" vollständig lesen
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